Keine Aufgabe für den Autopiloten (Zolliker Zumiker Bote)

Publiziert von VFSNinfo am

Das Präsidium des Fluglärmforums Süd (FLFS) wird jeweils von einem Präsidenten einer Mitgliedsgemeinde besetzt. Nachdem Sascha Ullmann als Gemeindepräsident von Zollikon zurückgetreten ist, übernimmt jetzt Stefan Bührer, der Gemeindepräsident von Zumikon, das Steuerhorn. Stephan Oehen, der Leiter der Geschäftsstelle des FLFS, sagt: «Stefan Bührer ist die ideale Wahl für die Phase der nächsten vier bis acht Jahre – auch inhaltlich. Denn Zumikon ist stark von Südanflügen ­betroffen. Da ist es sinnvoll, einen Präsidenten zu haben, der nahe bei der Bevölkerung ist.» Stefan Bührer selbst sagt zu seiner Wahl: «Es ist keine einfache Aufgabe. Man kann in dieser Position relativ wenig gewinnen, weil vieles von aussen beziehungsweise vom BAZL und vom Kanton bestimmt wird. Trotzdem ist es wichtig, dass wir den Menschen, die im Süden wohnen, Gehör verschaffen und auf ihre Anliegen aufmerksam machen. Sonst werden wir als Region übergangen.»

Abends könnte der Süden entlastet werden

Gleichzeitig mit der Neubesetzung vermeldet das FLFS, es verzichte auf eine Einsprache gegen die Verlängerungen der Pisten 28 und 32. Stephan Oehen erklärt: «Die Pistenverlängerungen wurden im März 2024 von der Zürcher Stimmbevölkerung klar angenommen. Hauptziel ist es, Kreuzungspunkte zu verringern und die Stabilität im ­­An- und Abflugregime zu erhöhen.» Die Verlängerungen haben Auswirkungen auf die Regionen rund um den Flughafen. «Kleine Teile der Bevölkerung werden stärker belastet – aber ein viel grösserer Teil wird entlastet, insbesondere im Süden. Durch die Pistenverlängerungen sollte es tagsüber weniger Verspätungen geben, was wiederum dazu führt, dass abends weniger Süd­anflüge nötig sein werden.» Laut dem Flughafen Zürich sollen sich dank der Pistenverlängerungen die abendlichen Südanflüge um bis zu zwei Drittel reduzieren. Adrian Panholzer, Media Manager Corporate Communications der Flughafen Zürich AG, teilt auf Anfrage mit: «Die Aussage zur Reduktion bezieht sich auf jene wetterbedingten Südanflüge am Abend, die heute erforderlich werden, wenn bei nasser Piste oder ungünstigen Windverhältnissen nicht auf der heutigen Piste 28 gelandet werden kann.» Durch deren Verlängerung werde die wetterbedingte Verfügbarkeit des Ost­konzepts erhöht, wodurch deutlich weniger auf Landungen von Süden umgestellt werden müsse. Zu einer Aussage in Zahlen sagt er: «Eine belastbare Angabe in Form von täglichen oder jährlichen Flugzahlen ist nicht möglich, da die Anzahl dieser wetterbedingten Südanflüge von den jeweiligen Wind- und Wetterverhältnissen abhängt.»

Keine Sankt-Florian-Politik

Die Eingabefrist für Einsprachen beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) gegen die Pistenverlängerungen lief Ende Juni ab. Durch den Verzicht auf eine Einsprache macht das FLFS zumindest von der süd­lichen Seite der Windrose her den Weg für die Realisierung der Bauvorhaben frei. Stephan Oehen legt Wert auf die Feststellung, dass das Fluglärmforum Süd keine Politik nach der Art von Sankt Florian betreibe. «Es ist eine rein logische Konsequenz, den Lärm zu kanalisieren und die Zahl der vom Lärm betroffenen Menschen zu berücksichtigen.» Bekannt ist, dass die IG Nord, die 13 Gemeinden aus den Kantonen Zürich, Schaffhausen und Aargau vertritt, die Gemeinde Rümlang ­sowie vier deutsche Landkreise – Waldshut, Lörrach, Konstanz und Schwarzwald-Baar-Kreis – Einsprache erhoben haben. Auf eine Einsprache verzichtet hat dagegen die Region Ost, die als Behördenorganisation 120 Gemeinden in den Kantonen Zürich, Thurgau, St.Gallen und Appenzell AR vertritt. Das BAZL wird die eingegangenen Einsprachen prüfen. Mediensprecher Antonello Laveglia teilt dem ZoZuBo mit: «Es laufen auch noch die Anhörung der betroffenen ­Kantone bis 26. August und der Bundesfachstellen, die danach ihre Stellungnahmen abgeben werden.» Auch die Flughafen Zürich AG wird die Möglichkeit haben, sich zu den Einsprachen und Stellungnahmen zu äussern. «Mit Entscheiden des UVEK (Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation) zu den beiden Gesuchen ist nicht vor 2027 zu rechnen. Beschwerden gegen diese Entscheide beim Bundesverwaltungsgericht haben grundsätzlich aufschiebende Wirkung.»

Entlastung frühestens 2037

Die Piste 28 wird im Westen um 400 Meter verlängert, die reine Bauzeit dürfte sieben bis acht Jahre betragen. «Es ist ein hochkomplexes Projekt, weil auch Radwege und eine Strasse umgelegt und die Glatt offengelegt werden müssen und ein sensibles Naturschutzgebiet betroffen ist», sagt Stephan Oehen. Unter Berücksichtigung der Einspracheverfahren rechnet der Flughafen Zürich frühestens 2030 mit einem Baubeginn und mit einer Fertigstellung im Jahr 2037. Kostenpunkt: 280 Millionen Franken, finanziert vollumfänglich vom Flughafen. Weniger komplex ist die Verlängerung der Piste 32 um 280 Meter. Diese kostet etwa 45 Millionen Franken, gerechnet wird hier mit einer Bauzeit von zwei Jahren, ebenfalls bei einem Baubeginn frühestens 2030.

Drohendes Szenario Südstarts

Auch Stefan Bührer begrüsst die Pistenverlängerungen und glaubt daran, dass der Flughafen die angekündigte Reduktion der Südanflüge einhalten wird, weil er dank grösserer Kapazitäten bei Anflügen aus dem Osten ein eigenes Interesse ­daran habe. Als viel grösseres Problem beurteilt er die geplanten Südstarts, die durch das FLFS bekämpft werden. «Diese hätten eine Kapazitätserweiterung des Flughafens zur Folge. Falls diese tatsächlich ein­geführt würden, werden wir sehr genau hinschauen, unter welchen Bedingungen – nicht dass es plötzlich viel mehr Tage als heute gibt, an denen angeblich Bise herrscht.» Dies nämlich würde darauf hindeuten, dass der Flughafen seine Kapazitäten zulasten der Bevölkerung im Süden erweitere. Praktisch alle Gemeinden im Süden hatten ebenso wie viele Privatpersonen beim BAZL dagegen Einsprache erhoben. Derzeit werden diese geprüft. Wann Südstarts geradeaus eingeführt werden sollen, ist noch nicht bekannt. Stefan Bührer sagt: «Wir werden alle Rechtsmittel ausschöpfen, um Kapazitätsausweitungen mit Südstarts zu verhindern, auch das ist eine Aufgabe des Fluglärmforums Süd.» So gering sein Gestaltungsspielraum sein mag: Lang­weilig wird Stefan Bührer im neuen Cockpit bestimmt nicht werden – das Amt ist alles andere als eine Aufgabe für den Autopiloten.

Quelle: Keine Aufgabe für den Autopiloten – Zolliker Zumiker Bote