Trillern für den gekröpften Nordanflug (TA)

Publiziert von VFSNinfo am

Einige Tausend Schneiser haben am Samstag gegen Südanflüge und vor allem für solche aus dem Norden demonstriert.

Von Marcel Reuss

Zürich. - Hunde mit umgebundenen Ballons, gestandene Herren, die solche Ballons verteilen, Damen, die in aller Öffentlichkeit ihre Bluse ausziehen, um sich ein gelbes T-Shirt überzustreifen: Es ist ein buntes Völkchen, das sich Samstagmittag im Park des Landesmuseums versammelt.

Und während im Innenhof des Museums der Radiosender Rundfunk FM versucht, musikalisch die Stimmung in der Stadt auszuloten, wissen die Scharen in Gelb genau, welcher Sound sie antreibt: das Donnern der Jets über ihren Dächern in Schwamendingen, Pfaffhausen oder Zumikon. Seit Ende Oktober 2003 brummt der Landekrach in ihren Ohren. Dass der illegal ist, davon sind sie überzeugt, deswegen sind sie hier, und das verkünden sie auf Transparenten, Shirts, Schirmmützen. Auf Schirmen, Buttons und neuerdings auch auf Gummiarmbändern: «Flugschneise Süd - Nein» ist der Refrain des Protests. Dessen Strophen: «Lughafen», «Kein Absturz-Korridor über Zürich», «Zürich leidet, Bern entscheidet», «Wir haben Ärger wegen Herr LeuenbergAir» oder «Tipp ans Bazl: Der gekröpfte Nordanflug ist nur eine Kurve. Kein Looping

Und der «Gekröpfte» steht im Zentrum der Demo. Weil es einfacher ist, für als gegen etwas zu sein - und vor allem, weil der Landeanflug entlang der Grenze zu Deutschland die Hoffnung verkörpert. Auf den «Gekröpften» setzt man und weiss, dass er längst Tatsache sein könnte, wenn man nur wollte. Wenn der Kanton wollte. Wenn Bern wollte.

«Letztlich illegales Notrecht»

Um 14 Uhr setzt sich die gelbe Masse trillernd in Bewegung. Schön geordnet, reihen sich Schwamendinger zu Schwamendingern, Pfaffhauser zu Pfaffhausern - und vorne weg verteilen die Gockhauser in der Bahnhofstrasse Bananen. Auf dass die Schweiz vom Weg, der in Richtung einer Bananenrepublik führt, wieder abkomme.

Das Thema nimmt der Stadtpräsident von Wädenswil, Ueli Fausch, auf. Als der Umzug gegen 15 Uhr auf dem General-Guisan-Quai vor dem Kongresshaus ankommt, steigt er zum Rednerpult. Sein Thema: der Rechtsstaat. Wer einen Chüngelistall über 1,50 Meter bauen wolle, der brauche eine Bewilligung. Das sei Gesetz und gelte für alle. Wenn nun aber ausgerechnet der Staat, als Hüter der Gesetze, das Raumplanungsgesetz breche, dann sei die Schweiz nicht mehr weit entfernt von einer Bananenrepublik.

Von faktischem und letztlich illegalem Notrecht spricht der Stadtrat von Dübendorf und grünliberale Nationalrat Martin Bäumle. Er kritisiert das fehlende Engagement für den «Gekröpften». «Man tut als ob, hat die Lösung fachlich und politisch aber verschleppt.» Weiter plädiert Bäumle für die Plafonierung der Flugbewegungen auf 320 000. Ansonsten seien Südanflüge auch mit gekröpften Nordanflügen nicht abzuwenden.

An die Solidarität appelliert nach Bäumle Stadtrat Robert Neukomm. Die Südanflüge seien auch ein Goldküstenproblem, aber vor allem auch eines der Glattalgemeinden und von Schwamendingen. Neukomm fordert deshalb Unterstützung, was die Autobahneinhausung in Schwamendingen angeht, und garantiert diese umgekehrt für den Kampf gegen die Südanflüge.

Zum Schluss gehört die Bühne dem Mann, der vor gut drei Jahren in einem Pfaffhauser Kindergarten den Verein «Flugschneise Süd - Nein» mitgründete und seither leitet: Thomas Morf. «Unsere Geduld hat Grenzen - wir wollen endlich Taten sehen!», ist das Motto seiner Rede. Vom Bundesrat fordert er Rückgrat und die rasche Einführung des gekröpften Nordanfluges. Technisch sei das kein Problem, wie Experten bestätigen. Weiter zeigt sich Morf überzeugt, dass der Widerstand Wirkung zeigt. «Ohne diesen Widerstand hätten wir heute mehr Südanflüge, mehr Südstarts und den "wide left turn ab Herbst.» Zuletzt bedankt sich Morf bei 11 000 anwesenden Schneisern und gibt den Countdown für den Abflug der Ballone. Es sind mehr als 99, die in den Himmel steigen. Aber 11 000 Schneiser? Die Polizei spricht am Samstag von 4500 und die Demo-Organisatoren gestern Sonntag von 5000. (TA, 05.09.05, Printversion, Seite 11)

© Tages-Anzeiger; 06.09.2005; Seite 15
Zürich
KORREKT
Schneiser-Köpfe statt -Beine gezählt
Haben 11 000 oder rund 5000 Schneiser an der Fluglärm-Demo vom vergangenen Samstag teilgenommen? Thomas Morf, der Präsident des Vereins «Flugschneise Süd - Nein» hat an der Schlusskundgebung zwar die Zahl 11 000 genannt, sie jedoch ausdrücklich auf die Beine bezogen, wie er auf Anfrage sagte. Der «Tages-Anzeiger»-Artikel von gestern Montag bezog sie irrtümlich auf Köpfe. Rund 5000 Personen haben also demonstriert, was die Organisatoren so auch mitteilten. (reu).