Unter den Lauben sah man gelb (NZZ)

Publiziert von VFSNinfo am Mo., 15.11.2004 - 07:17
2500 Zürcher demonstrieren in Bern gegen Südanflüge

Um die Schweizer Bevölkerung und den Bundesrat auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, haben Südanflug-Gegner am Samstag in Bern demonstriert. Mehrere Redner forderten Bundesrat Leuenberger zum Rücktritt oder zum Departementswechsel auf.  

ark. «Rot-grün gewinnt!» steht auf dem Propagandamaterial der Wahlkämpferin beim Berner Zytglogge. Die linke Aktivistin schaut etwas ratlos in die Menge, die lautstark pfeifend an ihr vorüberzieht. Statt rot-grün sieht sie nur gelb. Rund 2500 ganz oder teilweise gelb gekleidete Südanflug-Gegner sind am Samstag mit Extrazügen nach Bern gefahren, um gegen das seit gut einem Jahr praktizierte Anflugverfahren zu protestieren. Die «Schneiser» geben sich Mühe, den Bernern ihr Anliegen näher zu bringen. Auf einem Lieferwagen führen sie eine Stereoanlage mit, die 85 Dezibel Fluglärm erzeugt. Zwischen den «Überflügen» erklärt ein Sprecher, dass aufgrund dieses Lärms täglich Zehntausende geweckt würden. Unter den Lauben nimmt man den Unmut mit der ortsüblichen Gelassenheit zur Kenntnis und setzt die samstäglichen Einkaufsaktivitäten fort.

Nach einem kurzen Umzug durch die Altstadtgassen besammelt sich die fröstelnde Menge auf dem Bundesplatz. Hier kommt es zu einem kleinen Handgemenge zwischen Schneisern und einem Fähnchen von Aufrechten aus dem Tösstal. «Wer nicht verteilt, schadet der Heimat», heisst es auf den T-Shirts der Bürger aus dem Osten des Kantons Zürich, auf dem Transparent verwahrt man sich gegen forcierte Ostanflüge. Nachdem die Störefriede an den Rand des Platzes verbannt sind, wendet sich ein Reigen von Rednern an die Demonstranten.

Schelte für Bundesrat Leuenberger

Richard Hirt (cvp.), Kantonsrat und Gemeindepräsident von Fällanden, fordert Bundesrat Leuenberger zum Rücktritt auf und erhebt die Hand zum Schwur: «Wir werden so lange gegen fremde und eigene Herren vorgehen, bis unsere Ruhe wieder hergestellt ist», lautet sein Versprechen. Die Zürcher FDP-Präsidentin Doris Fiala ruft zur Versöhnung zwischen Ost und Süd auf: «Hört auf, gegeneinander zu kämpfen», ruft sie ins Mikrofon, «nur gemeinsam schaffen wir es, die Nordausrichtung des Flughafens wieder herzustellen.» Der vom Fluglärm nicht betroffene Säuliämter Nationalrat Hans Kaufmann (svp.) ist gekommen, um für die Rechtssicherheit zu plädieren, und meint wenig überraschend, es wäre besser «einen anderen Zürcher Bundesrat» mit dem Dossier Luftfahrtpolitik zu betrauen. Sein Ratskollege Filippo Leutenegger (fdp.) unterstützt die Forderung nach einem Departementswechsel Moritz Leuenbergers. Dieser habe im «Wirtschaftskrieg» mit Deutschland versagt, meint der ehemalige TV-Moderator. Im Einklang mit sämtlichen Vorrednern forderte er eine möglichst schnelle Einführung des gekröpften Nordanflugs.

«Demokratische Prinzipien in Gefahr»

Als letzter Redner tritt Thomas Morf, Präsident des Verbunds Flugschneise Süd - Nein ans Rednerpult. «Thomas!, Thomas!, Thomas!», skandiert ein Teil der Menge. Man sei nach Bern gekommen, da die Südanflüge massgeblich auf die Entscheide und Handlungsweisen des Bundesrats und des Bundesamts für Zivilluftfahrt zurückzuführen seien, sagt Morf. In Wirklichkeit gehe es beim Kampf der Schneiser nur am Rande um einen Fluglärmverteilkampf. Im Vordergrund stünden die rechtsstaatlichen und demokratischen Prinzipien, die in Gefahr seien: «Wenn wir und die ganze Schweizer Bevölkerung uns jetzt nicht zur Wehr setzen, dann kann sich das, was dem betroffenen Süden des Flughafens jetzt widerfahren ist, in Zukunft in jedem Kanton, in jeder Region wiederholen», meinte Morf warnend. Kein Gehör fanden die Südanflug-Gegner am Samstag beim Departement Leuenberger. Dieses weigerte sich, das Geschenk des VFSN, eine Miniatur der Eisenplastik Mahnmal Südschneise, entgegenzunehmen. Der Verbund habe in einem Inserat unrichtige Behauptungen verbreitet, hiess es in einer Mitteilung des UVEK zur Begründung. Das Präsent solle jetzt einem «würdigen Empfänger» zugeführt werden, teilte Morf mit.

NZZ, 15.11.2009