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Die Nationalbank kennt keine Flugscham (TA)
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Selbst höchste Bundesbeamte sollen Economy buchen. Doch bei der SNB fliegen gar rangniedrigste Mitarbeiter in der klimaschädlicheren Businessclass

Bahn statt Flugzeug, Holzklasse statt Businessclass: Diese Ansage machte Umweltministerin Simonetta Sommaruga im Dezember für die Bundesverwaltung. Mit diesen und weiteren Massnahmen will der Bund das Klima schützen und die CO2-Emissionen beim Fliegen deutlich reduzieren – um 30 Prozent bis ins Jahr 2030.

An der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist dieses Klimaschutzprogramm jedoch spurlos vorbeigegangen, obwohl ihr Berner Sitz keine hundert Meter von Sommarugas Büro entfernt liegt. Weil die SNB nicht zur zentralen Bundesverwaltung gehört, gilt der «Aktionsplan Flugreisen» für ihre über 900 Mitarbeiter nicht. Und sie wendet ihn auch nicht freiwillig an.

Das führt jetzt zu einer krassen Ungleichbehandlung rund um den Bundesplatz: SNB-Mitarbeiter fliegen bei Geschäftsreisen ab vier Stunden prinzipiell Business – unabhängig von der Hierarchiestufe. Die Bundesangestellten hingegen sind gehalten, erst ab neun Stunden Direktflug Business zu buchen. Bei Flügen mit Zwischenstopp erhöht sich diese Schwelle sogar auf elf Stunden. Und diese Regel gilt bis hinauf zu den allerhöchsten Funktionsstufen.

Das heisst: Bei der SNB geniesst selbst der rangniedrigste Büroangestellte bedeutend grössere Flugprivilegien als eine Staatssekretärin oder ein Amtsdirektor beim Bund. Dabei fliegen Angestellte von SNB und Bundesverwaltung teilweise zu den gleichen Konferenzen im Ausland – momentan zum Beispiel gehäuft nach Saudiarabien zu den Vorbereitungstreffen für den G-20-Gipfel.

Bis zu dreimal mehr CO2

Fliegen in der Businessklasse ist deutlich klimaschädlicher als in der Economyklasse: Auf Kurzstrecken sei der CO2-Ausstoss rund anderthalbmal grösser, auf Langstrecken bis zu dreimal, heisst es im «Aktionsplan Flugreisen». Erstens benötigen Businesssessel im Flugzeug mehr Platz, zweitens dürfen Businesspassagiere mehr Gepäck mitführen, drittens ist die Businessclass in der Regel schlechter ausgelastet. All das führt zu höherem Treibstoffverbrauch pro Passagier.

Weiter sind Businesstickets auch markant teurer. Dieses Kriterium fällt bei der SNB allerdings kaum ins Gewicht. Bei einem Jahresgewinn von rund 49 Milliarden Franken (2019) gehen selbst die allerteuersten First-Class-Tickets im finanziellen Grundrauschen unter.

Die SNB sei bemüht, CO2-Emissionen wo immer möglich zu vermeiden oder wenigstens zu reduzieren, betont die Nationalbank in einer Stellungnahme. Seit 2011 seien ihre Prozesse vollständig treibhausgasneutral. «Nicht vermeidbare« Emissionen – etwa beim Fliegen – würden zu hundert Prozent kompensiert durch Unterstützung von Klimaschutzprojekten.

Begründete Wechsel in die Businessclass sind allerdings auch beim Bund möglich. Das bedeute zum Beispiel, «dass ein Bundesrat einem Staatssekretär eine entsprechende Ausnahme erteilen kann», schreibt das zuständige Bundesamt für Energie. Wie oft es künftig solche Ausnahmen vom Prinzip «Economy statt Business» geben wird, ist derzeit noch nicht abschätzbar. Umgekehrt heisst es bei der SNB, «in der Praxis» buche man manchmal auch tiefere Flugklassen als die maximal zulässigen.

Gesamthaft flogen die über 900 SNB-Angestellten im Jahr 2018 über vier Millionen Kilometer. In den letzten 15 Jahren habe sich die Anzahl Flugkilometer mehr als verdoppelt, schreibt die Medienstelle. «Der Anstieg hängt zu einem erheblichen Teil mit der verstärkten Mitwirkung der SNB an der internationalen Währungskooperation und mit Mitgliedschaften bei internationalen Organisationen zusammen.» Ins Gewicht fallen auch die Transferflüge zwischen der Schweiz und der SNB-Niederlassung in Singapur.

Jordan fliegt First

Während die einfachen SNB-Mitarbeiter Business fliegen, haben Präsident Thomas Jordan und die beiden anderen Mitglieder des Direktoriums ab vier Stunden Anspruch auf einen Sitz in der First Class. Beim Bund sitzen höchstens Bundesräte in der First Class. Doch sie nutzen dieses Privileg eher selten.

Das zeigt eine Statistik von 41’000 Flugreisen der Bundesverwaltung in den Jahren 2017 und 2018. Die «Schweiz am Wochenende» hat die Daten gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz unlängst herausverlangt. Gemäss diesen Daten nutzten Mitglieder des Bundesrats nur rund ein Dutzend Mal First Class. Ueli Maurer, Guy Parmelin, Ignazio Cassis und Simonetta Sommaruga verzichteten sogar ganz auf First-Class-Tickets – selbst auf langen Flügen nach Fernost. Allerdings nutzen die Bundesräte für ihre Auslandsreisen oft auch den Bundesratsjet.


Auch Bundesräte sollen Zug fahren

Der «Aktionsplan Flugreisen», der den CO2-Ausstoss reduzieren soll, gilt für alle Angestellten der zentralen Bundesverwaltung, aber nicht für die Mitglieder des Bundesrats und den Bundeskanzler. Sie entscheiden grundsätzlich selber über ihr Transportmittel. Das will Katharina Prelicz-Huber jetzt ändern. In einer soeben eingereichten Motion verlangt die grüne Nationalrätin, der Bundesrat müsse ein «Vorbild seiner eigenen Strategie» sein. Deshalb solle er «dieselben Regeln wie sein Personal einhalten». Vor allem denkt Prelicz-Huber an die neue Vorschrift, dass bei Reisezeiten unter sechs Stunden grundsätzlich der Zug zu nehmen sei. Diesbezüglich sind die Regeln bei der SNB ähnlich: Ihre Mitarbeiter sollen bis fünf Stunden Bahnfahrt den Zug nehmen. (hä)

Tages-Anzeiger, 10.03.2020