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Kretzschmar: «Man müsste morgen die Abschaffung aller Kurzstreckenflüge beschliessen» (lz)
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Die Fliegerei steht in der Klimadebatte besonders in der Kritik. Die deutsche Aktivistin Anne Kretzschmar erklärt im Interview, warum wir das Fliegen einschränken müssen und Kompensationsprogramme nichts taugen.

Wann sind Sie das letzte Mal geflogen?

Anne Kretzschmar: Ich fliege seit Jahren nicht mehr, aber darum geht es nicht. Natürlich spielen die Individuen eine Rolle, die vorleben, dass es anders geht, oder die Vielfliegerei in Frage stellen. Aber in erster Linie müssen wir an den politischen Rahmenbedingungen und den systemischen Veränderungen arbeiten.

Ich bin in diesem Sommer mit Zug und Fähre nach Barcelona gefahren. War das besser, als mit dem Flugzeug zu reisen?

Natürlich. Wir haben im Juli eine Konferenz von Stay Grounded in Barcelona organisiert, die flugfrei war. Allen Eingeladenen wurde klar gesagt, dass sie mit dem Zug reisen sollten. Wer weiter weg wohnte, war per Videokonferenz zugeschaltet. Gerade in Europa kann man mit der Bahn überall hinkommen, auch wenn es teilweise länger dauert. Viele Menschen müssen sich bewusst werden, dass man in Zukunft weniger reisen wird, dafür vielleicht ausführlicher.

Wer das Flugzeug nimmt, verweist gerne darauf, dass die Fliegerei nur für drei Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist. Wo liegt das Problem?

Das ist ein absolutes Kleinrechnen. Im Bezug auf den CO2-Ausstoss mag dies zutreffen, aber es gibt weitere Emissionen und Erwärmungseffekte, die systematisch vernachlässigt werden. Sie machen mindestens den Faktor zwei aus, wenn nicht mehr. Damit sind wir bei sechs oder acht Prozent des globalen Klimaeffekts. Dabei ist das Fliegen sehr ungerecht verteilt. Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung sass noch nie in einem Flugzeug. Hinzu kommt das massive Wachstum im Flugverkehr, mit dem auch die Emissionen weiter zunehmen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Deshalb müsste eine zukunftsweisende Klimapolitik genau hier ansetzen, bevor das Problem noch grösser wird.

«Wir haben so viele gut ausgebildete Menschen, dass wir innerhalb weniger Jahre ein Super-Schienensystem auf die Beine stellen könnten, wenn wir es wirklich wollen.»

Sollen wir gar nicht mehr fliegen?

Ich würde diese Frage umdrehen: Können wir es uns leisten, so weiterzufliegen wie heute? Das können wir nicht, vor allem wenn wir eine global gerechte Mobilität wollen, bei der die Menschen auf der ganzen Welt das gleiche Recht darauf haben. Dann muss ein Grossteil der Leute im globalen Norden die Fliegerei massiv reduzieren. Darum werden wir nicht herumkommen.

Eine Million Passagiere fliegen jährlich von Genf nach Paris, auf einer Strecke, die mit der Bahn sehr gut erschlossen ist.

Wenn es nach mir ginge, müsste man schon morgen die Abschaffung aller Kurzstreckenflüge unter 1000 Kilometer beschliessen und in ein Bahnstreckensystem investieren, das bis 2025 dafür sorgt, dass wir innereuropäische Flüge nur noch in absoluten Ausnahmefällen oder Notsituationen brauchen werden. Oder vielleicht für Regionen, die nicht an das Netz angebunden sind.

Das hört sich utopisch an.

Es wird in der subventionierten Auto- und Flugindustrie so viel Geld in Bereiche gesteckt, die absolut schädlich sind, etwa die Manipulation von Dieselmotoren oder die Entwicklung neuer Überschallflugzeuge. Und wir haben so viele gut ausgebildete Menschen, dass wir innerhalb weniger Jahre ein Super-Schienensystem auf die Beine stellen könnten, wenn wir es wirklich wollen. In Notlagen sind wir zu so vielem fähig. Warum nutzen wir das nicht, um eine wirkliche Alternative zu schaffen, statt ständig in zerstörerische Industrien zu investieren oder sie zu subventionieren?

Fliegen hat auch Vorteile, es bringt uns einander näher und lässt uns andere Kulturen entdecken.

Ich finde dieses Argument relativ schwierig. Es beschreibt den hypermobilen Lebensstil weniger, der meistens auf Kosten anderer geht. Andere Kulturen zu entdecken hat historisch auch nicht immer positive Effekte gehabt. Sie haben meistens nicht so viel davon, sondern leiden im Gegenteil unter den Folgen der Klimakrise, die viele von uns durch das Fliegen mitverursachen.

«Es braucht die Einzelnen, die auf das Fliegen verzichten und zeigen, dass es anders geht. Aber es braucht auch klare Lenkungsmechanismen, die ein solches Reisen nicht mehr so leicht machen.»

Was meinen Sie konkret?

Ein Beispiel sind die Leute, die noch schnell ans Rote Meer fliegen, um die Korallenriffe zu sehen, bevor sie durch den Klimawandel verschwinden. Solche Absurditäten kann ich gar nicht verstehen. Und wenn man einen Langstreckenflug nach Bali unternimmt, um zwei Wochen in einem Hotel zu verbringen, entdeckt man nicht besonders viel von der Kultur. Ein Sabbatical, bei dem man es langsam angehen lässt und ein Land mit dem Zug bereist, trägt wesentlich mehr zum Kulturaustausch und zur Verständigung bei als irgendwelche Kurztrips auf die Malediven.

Tourismus kann aber helfen, Natur und Tiere zu schützen, etwa im Amazonasgebiet.

Da bin ich sehr skeptisch. Oft ist das Gegenteil der Fall. Es häufen sich die Beispiele, bei denen der Massen- oder Übertourismus zerstörerisch wirkt, etwa in Metropolen wie Barcelona. Und gerade hochsensible Ökosystemen werden überhaupt nicht geschützt, wenn Massen von Deutschen oder Schweizern einfallen. Wir zerstören durch den Tourismus genau das, was wir eigentlich suchen, und tun gut daran, etwas weniger in exotische Gebiete zu fliegen.

Eine Trendwende ist aber nicht in Sicht. Trotz Klimastreiks wächst die Fliegerei weiter. Auch in diesem Sommer wurden am Flughafen Zürich wieder mehr Passagiere gezählt.

Am Ende werden nur politische Massnahmen helfen. Es braucht die Einzelnen, die auf das Fliegen verzichten und zeigen, dass es anders geht. Aber es braucht auch klare Lenkungsmechanismen, die ein solches Reisen nicht mehr so leicht machen. Bonusprogramme, die Vielflieger auch noch belohnen, sind politische Entscheidungen, die man rückgängig machen und abschaffen kann.

Ausgerechnet progressive, gebildete Menschen sind aber die fleissigsten Flieger.

Das liegt daran, dass sie am meisten Geld haben. Sie können sich das Fliegen leisten. Wir brauchen deshalb Veränderungen in der Arbeitszeit, die es uns erlauben, länger zu reisen, damit wir ökologischere Verkehrsmittel nehmen können. Es gibt viele Steuerungsmassnahmen, die dies ermöglichen und dazu führen können, dass das Fliegen nicht mehr als Möglichkeit angeboten wird.

«Alternative Treibstoffe sind ein Ausdruck des ewigen Technikglaubens, dem wir verfallen sind. Er lenkt von der notwendigen Diskussion ab und verschiebt den Handlungsbedarf in die Zukunft.»

Darf man der grossen Mehrheit der Menschen, die noch nie geflogen sind, das Fliegen verbieten?

Eine kleine Zahl von Menschen fliegt extrem viel. Wenn wir diese wie erwähnt angehen, haben wir viel gewonnen. Dann müssen wir nicht darüber diskutieren, ob wir der Mehrheit das Fliegen verbieten wollen. Es geht um einige wenige reiche Ultravielflieger vor allem aus dem globalen Norden, bei denen man ansetzen muss. Es gibt Menschen und Firmen, die heute schon sagen, sie würden ihr Verhalten ändern, wenn man das Fliegen verteuert. Teilweise fordern sie das sogar.

Die Airline-Branche wehrt sich vehement eine Kerosinsteuer oder eine Flugticket-Abgabe. Sie verweist auf sparsamere Triebwerke und alternative Treibstoffe.

Die Effizienzeinsparungen in der Flugbranche liegen bei rund 1,5 Prozent. Wenn man das globale Wachstum der Fliegerei um sieben Prozent dagegen stellt, kann man selber ausrechnen, dass dieser Effekt sofort weggefressen wird. Alternative Treibstoffe sind ein Ausdruck des ewigen Technikglaubens, dem wir verfallen sind. Er lenkt von der notwendigen Diskussion ab und verschiebt den Handlungsbedarf in die Zukunft. Die Klimakrise aber ist jetzt, wir müssen sofort etwas verändern, um noch ansatzweise rauszukommen. Es bringt nichts, auf alternative Treibstoffe oder Solartriebwerke zu verweisen, die in 30 Jahren verfügbar sind. Die können wir dann für die paar Flüge nutzen, die vielleicht noch notwendig sind. Da habe ich nichts dagegen.

Was halten Sie vom Emissionshandel oder Programmen wie Corsia, mit dem die Airline-Branche den CO2-Ausstoss ab 2020 stabilisieren will?

Corsia ist eine Scheinlösung und extrem gefährlich. Es beruht hauptsächlich auf Offsetting, das die Reduktion der Emissionen in neokolonialer Weise in andere Länder verlagert. Die meisten Projekte sind hoch problematisch, weil sie die Rechte der lokalen Bevölkerung ignorieren und häufig gar nicht zu einer Einsparung führen. Corsia ist ohnehin nicht auf Reduktion gemünzt, man will die künftigen Emissionen kompensieren.

Das ist immerhin etwas.

Die für Corsia verantwortliche UNO-Organisation ICAO ist extrem intransparent. Sie ist sehr industrienah und will mit Corsia verhindern, dass andere Massnahmen durchgebracht werden, etwa die Einbindung des Flugverkehrs in den EU-Emissionshandel, oder nationale Kerosin- oder Ticketsteuern. Ich bin kein Fan des EU-Emissionshandels, er ist unzureichend und in vielen Fällen problematisch, aber Corsia ist noch deutlich schlimmer.

«Ich glaube nicht an Preismechanismen als einzige Lösung für das globale Klimaproblem.»

Die Klimadebatte führt immerhin dazu, dass viel mehr Leute ihre Flüge kompensieren.

Das ist wieder eine Verlagerung des Problems. Das CO2, das wir heute produzieren, bleibt bis 10 Millionen Jahre in der Atmosphäre. Ich möchte das Kompensationsprojekt sehen, dessen Chefin mir verifiziert, dass die Einsparung ähnlich lange wirkt. Ein Baum, der gepflanzt und in 80 Jahren gefällt wird, trägt sicher nicht dazu bei. Die Idee hinter der Kompensation ist ein Ablasshandel und dient oft nur dazu, das Fliegen oder andere klimaschädliche Aktivitäten zu legitimieren.

Diesen Vorwurf hört man oft.

Wir versuchen, uns ein reines Gewissen zu kaufen, indem andere Menschen, die ohnehin einen viel niedrigeren CO2-Fussabdruck haben, ihre Emissionen einsparen, etwa indem man Frauen in Indien Solarkocher liefert. Ich finde es absurd bis gefährlich, dass sich so etwas als Idee durchsetzen kann. Man schiebt systematisch die Verantwortung weg.

Dann sollte die Schweiz also eine Flugticket-Abgabe im CO2-Gesetz integrieren?

Sie kann Teil einer Lösung sein, aber man muss offen sein für radikalere Massnahmen und tatsächliche Einschränkungen. Ich glaube nicht an Preismechanismen als einzige Lösung für das globale Klimaproblem. Die Ticketabgabe muss schon sehr hoch sein, dass sie wirklich einen Effekt hat, und sie muss zurück verteilt werden an die ärmeren Bevölkerungsschichten, damit sie nicht darunter leiden. Und man soll sich nicht an Ländern wir Deutschland orientieren.

Dort hat sie nichts bewirkt.

Sie wurde nicht als Lenkungsmechanismus eingeführt, sondern als Instrument zur Haushaltkonsolidierung, das bei einer Milliarde Euro gedeckelt wurde. Gleichzeitig entgehen dem Staat jährlich elf Milliarden durch das Fehlen einer Kerosinsteuer und einer Mehrwertsteuer auf internationale Flüge. Das ist absolut lächerlich, also nicht daran orientieren. Es wäre gut, wenn die Schweiz für einmal voranschreitet und eine wirklich sinnvolle Abgabe einführt. Die ewige Diskussion um Wettbewerb und die Drohung mit Abwanderung auf andere Flughäfen ist ein Industrie- und Profitargument, das vollkommen ausblendet, dass wir eine Reduktion brauchen.

Glauben Sie, dass es gelingen wird, die Leute vom Fliegen wegzubringen?

Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, unseren imperialen Lebensstil zu verändern. Sonst zerstören wir die Welt. Ob es gelingen wird, weiss ich nicht, aber wenn ich die Hoffnung nicht hätte, würde ich diese Arbeit nicht machen. Ich glaube auch nicht, dass damit ein Verlust an Lebensqualität einhergeht. Wir können im Gegenteil Lebensqualität gewinnen, jetzt, aber vor allem auch in der Zukunft und für alle Menschen auf diesem Planeten.

Luzerner Zeitung, 08.09.2019


 
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