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Schweizer Umweltministerin wünscht mehr Flugverkehr (infosperber)
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47 Prozent mehr Luftverkehr erwartet der Bund bis 2030. Damit das möglich wird, will Leuthard die Kapazität der Flughäfen erhöhen.Ende Jahr tritt Doris Leuthard als Bundesrätin zurück. Die verbleibende Zeit wollte die abtretende Umwelt-, Energie- und Verkehrsministerin noch nutzen, um den Beitrag der Schweiz zum globalen Klimaschutz zu stärken. Die Gelegenheit dazu bot ihr die UNO-Klimakonferenz in Katowice (Polen).

Der Anteil des Luftverkehrs am Ausstoss des Treibhausgases CO2 liegt in der Schweiz weit über dem globalen Durchschnitt. Deshalb konzentrierte sich Leuthard in ihrer Rede am 14. Dezember in Katowice auf diesen Bereich und stellte einleitend fest: «Wir müssen der Luftfahrt darum ebenso Beachtung schenken wie unserem Schienen- und Strassennetz, zumal die Mobilität auch in der Luftfahrt weiter wachsen wird. Gemäss den Prognosen des Bundes ist bei den Passagierzahlen sowohl in Zürich als auch in Genf und Basel bis 2030 mit einem Anstieg um jährlich 3 Prozent und mehr zu rechnen.»

Mit der heutigen Infrastruktur sei das nicht zu bewältigen, und auch der Bau von neuen Parallelpisten sei nicht möglich, bedauerte Leuthard vor den Regierungsleuten, die wie sie zur Konferenz nach Polen geflogen waren, und sie fuhr fort: «Es gilt daher, die vorhandene Infrastruktur und den technischen Fortschritt besser zu nutzen, damit im Jahr 2030 unsere Bevölkerung ihren Flugkonsum gegenüber dem Jahr 2017 um 47 Prozent steigern kann.»

Um die Kapazität des Flughafen Zürich-Kloten zu erhöhen, schlug die abtretende Schweizer Bundesrätin zwei konkrete Massnahmen vor: Ein Teil der Geschäftsfliegerei soll von Kloten auf den ausgedienten Militärflugplatz Dübendorf verlagert werden. Zweitens sollen Flugzeuge bei Bise ab Kloten auch nach Süden geradeaus über Zürich starten dürfen, um die Kapazität der Ferienflüge in der sommerlichen Spitzenzeit zu erhöhen.

Nein, nicht in Katowice, sondern in der NZZ

Einige Leserinnen und Leser mögen es bemerkt haben: In die obigen Abschnitte habe ich zwei Fehlinformationen eingebaut: Erstens hat Doris Leuthard nicht selber ausgerechnet, dass die jährliche Zuwachsrate von «3 Prozent» (exklusive «und mehr») vom Ausgangsjahr 2017 bis zum Jahr 2030 ein Flugverkehrs-Wachstum von 47 Prozent ergibt. Zweitens handelt es sich beim zitierten Text nicht um die Rede von Umweltministerin Doris Leuthard an der Klimakonferenz in Katowice, sondern um einen «Gastkommentar» von Doris Leuthard als Verkehrsministerin, den die NZZ am 14. Dezember unter dem Titel «Die Luftfahrt ist für die Schweizer Volkswirtschaft zentral» veröffentlichte.

Zwei Tage bevor ihr Luftfahrtsförderungs-Artikel in der NZZ erschienen ist, soll sich Leuthard gemäss UVEK- Pressedienst «an der UNO-Klimakonferenz in Katowice (Polen) für eine griffige Umsetzung des 2015 beschlossenen Klimaübereinkommens von Paris eingesetzt» und betont haben: «Es ist höchste Zeit für verbindliche Regeln.»

Obwohl der internationale Luftverkehr in den nationalen Plänen zur Reduktion der Treibhausgase ausgeklammert bleibt, kann sich jeder Primarschüler ausrechnen: Ein Wachstum des Luftverkehrs um 47 Prozent bis zum Jahr 2030, das die abtretende Bundesrätin den Schweizer Flughäfen mit einer Erhöhung der Kapazität ermöglichen will, ist mit dem Ziel des Klimavertrags von Paris, nämlich den globalen Temperaturanstieg auf «weniger als 2 Grad» zu begrenzen, in keiner Weise vereinbar.

Die Hälfte aller Flüge in Bahndistanz

Gewiss, es liegt in der Natur des Amtes, dass eine Umweltministerin, die gleichzeitig Verkehrsministerin ist (und auch mal Wirtschaftswachstums-Ministerin war), widersprüchliche Botschaften in die Welt hinausposaunt. Sie steht ja auch nicht allein da. In vielen Medien finden wir auf den einen Seiten dramatische Berichte über die schlimmen Folgen des Klimawandels und auf den andern Seiten klagende Artikel über die überlastete Kapazität der Schweizer Flughäfen und des europäischen Luftraums.

Darum lohnt es sich, zu ergründen, wohin denn die vielen Flugzeuge fliegen, die – zum Beispiel – den Flughafen Zürich Kloten überlasten, die CO2-Emissionen erhöhen und die angrenzenden Regionen beschallen. Antworten liefert die Publikation «Flughafen Zürich, Zahlen und Fakten 2017» Darin erfährt man unter anderem:

  • An einem Durchschnittstag starten und landen in Zürich-Kloten je 370 Flugzeuge; das ergibt täglich eine Summe von 740 Flugbewegungen, davon knapp 100 von Kleinflugzeugen (vorab Privatjets). Mehr als die Hälfte des gesamten Schweizer Linien- und Charter-Luftverkehrs entfällt damit auf den Flughafen Kloten.
  • Die mittlere Flugdistanz ab Schweizer Flughafen hat in den letzten zehn Jahren zwar zugenommen; im Jahr 2017 auf 1750 Kilometer. Doch 86 Prozent aller Flugzeuge ab Kloten fliegen zu Destinationen innerhalb Europas.
  • Annähernd die Hälfte aller in Kloten abfliegenden Maschinen landet in Städten, die weniger als tausend Kilometer von Kloten entfernt liegen. Darunter fallen die fünf häufigsten Destinationen, nämlich London, Berlin, Wien, Amsterdam und Düsseldorf, aber auch die noch näher liegenden Städte Paris, Köln, Stuttgart, München, Mailand oder Genf. Die Fahrzeit ab Zürich-Hauptbahnhof mit der Eisenbahn nach London, Berlin, Wien und Amsterdam schwankt zwischen sieben und neun Stunden. Und nach Mailand, Stuttgart oder Paris dauert die Zugfahrt zwischen drei und vier Stunden.

Verlagerung auf Bahn beseitigt Engpässe auf Flughäfen

Diese Daten zeigen: Würde man alle Kurzstreckenflüge ab Zürich-Kloten abschaffen und durch – zeitlich nicht viel längere – Bahnfahrten ersetzen, liesse sich der Flugverkehr ab Zürich-Kloten und wohl auch ab Genf und Basel nahezu halbieren. Marktwirtschaftlich näher läge eine hohe Flugticket-Abgabe, die ebenfalls eine deutliche Reduktion der Flüge bewirkte. Der Einwand, damit würde sich der Luftverkehr auf andere Flughäfen verlagern, sticht nicht. Denn kaum jemand wird auf ausländische Flughäfen wie Frankfurt oder Paris ausweichen, die bereits eine (allerdings bescheidene) Ticketabgabe kassieren, um teurere Kurzstrecken-Flüge ab Kloten zu ersetzen.

Eine Flugticket-Abgabe könnte die Kapazitätsprobleme der Schweizer Flughäfen ohne umstrittene Pisten- und andere Ausbauten beseitigen – und obendrein den CO2-Ausstoss und Fluglärm spürbar vermindern. Diesen Vorteilen stehen allerdings die Wachstumspläne der subventionierten Luftverkehrsbranche entgegen. Offen bleibt, was der Nachfolgerin von Doris Leuthard näher liegt: ein wachsender Luftverkehr oder eine Begrenzung der Klimaerwärmung.

infosperber, 19.12.2018


 
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