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«Fliegen tötet zukünftige Menschen» (SRF)
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Wir Schweizer gehören zu den Vielfliegern. Und damit auch zu den Klimasündern. Der Schweizer Ethiker Dominic Roser fordert darum mehr Verzicht.

SRF: Erfüllt die Schweiz ihre moralischen Pflichten in Sachen Klimaschutz?

Dominic Roser: Leider nein. In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich die Schweiz aus der Armut befreit und dabei viel zur Erderwärmung beigetragen. Andere Länder müssen der Armut erst noch entfliehen und können sich den Klimaschutz kaum leisten.

Wir haben die Chance – und damit die Pflicht – mehr als andere etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Was heisst das konkret?

Wir sollten viel mehr in die Erforschung und Verbreitung sauberer Technologien investieren. Daneben gilt es, andere Länder bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen, die Opfer des Klimawandels zu entschädigen sowie die eigenen Emissionen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Ein konkreter Vorschlag wäre, neben der ETH und der EPFL eine dritte Hochschule zu gründen, die sich allein sauberen Technologien widmet. Das würde zur Schweiz als innovativem Land passen.

Vielleicht würden wir dann auch endlich einen Weg finden, emissionsfrei zu fliegen.

So schnell wird das nicht gehen. Bei der Mobilität auf dem Land kennen wir bereits klimafreundliche Lösungen, ebenso bei der Ernährung oder beim Heizen. Beim Fliegen aber ist eine emissionsfreie Lösung viel schwieriger. Doch ein einziger Urlaubsflug kann das Klima stärker aufheizen als ein Jahr lang Auto fahren und das Haus mit Erdöl heizen.

Fliegen Sie selbst denn nie in den Urlaub?

Ich bin kein besserer Mensch als andere. Ich möchte aber zumindest auf Ferienflüge verzichten, denn ich bin mir bewusst: Fliegen tötet.

Wie bitte?

Durch unsere Flüge sterben Menschen zukünftiger Generationen. Zugespitzt formuliert ist das Flugzeug, in dem ich sitze, wie eine Rakete, gerichtet auf zukünftige Menschen. Laut einer Schätzung ist ein Amerikaner mit seinen Treibhausgasemissionen für den Tod oder das Leiden von ein bis zwei Menschen verantwortlich.

Aber manchmal muss man doch fliegen, etwa wenn die eigene Mutter in der Ferne im Sterben liegt oder wenn ich als Politiker zu einer Klimakonferenz muss.

Für diese Fälle gibt es die CO2-Kompensation. So kann mein Geld saubere Energien fördern. Mit vertrauenswürdigen Anbietern wird die von mir produzierte Menge CO2 an einem anderen Ort reduziert.

Ist das nicht Ablasshandel?

Nein. Die Top-Priorität ist, unsere Emissionen möglichst stark zu senken. Dabei ist es zweitrangig, ob wir sie via Kompensation oder via Verzicht auf den Flug senken. Man könnte sogar sagen: Wenn mir die Kompensation leichter fällt als der Flugverzicht, dann sollte ich auf Kompensation setzen und dafür doppelt kompensieren. So kann ich aus meiner beschränkten Motivation möglichst viel fürs Klima herausholen. Am besten ist es natürlich, zu kompensieren ohne zu fliegen.

Sollte am besten der Staat eine CO2-Abgabe auf Flüge erheben und uns so zum guten Handeln zwingen?

Ja, aber leider ist das politisch enorm schwierig, denn dazu braucht es globale Lösungen. Darin besteht die grosse Herausforderung des Klimawandels. Kein Land kann das ganze Problem im Alleingang lösen. Es gibt nur dann Hoffnung, wenn wir über die Grenzen hinaus zusammenstehen und globaler denkende PolitikerInnen wählen.

Klingt nach einer enormen Herausforderung. Womit sollen wir anfangen?

Millionen Menschen stecken in der Armut fest. Damit sie sich emissionsfrei aus der Armut befreien können, braucht es grüne Technologien. Es ist unsere Aufgabe, die nötigen Investitionen in die Erforschung und Verbreitung dieser neuen Technologien bereitzustellen.

Das Gespräch führte Yves Bossart.

SRF, 21.10.2017

Sendung: SRF 1, Sternstunde Philosophie, 22.10.2017, 11 Uhr


 
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