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«Wir können doch nicht einfach die Luft verschmutzen – und nichts dafür bezahlen» (Watson)
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Wir schreien auf, wenn Donald Trump den Klimavertrag aufkündet, fliegen aber weiterhin nach Bali in die Ferien. Das sei inkonsequent, meint René Estermann von der Stiftung «myclimate» – und bietet Lösungen an.

Es ist Ferienzeit: Der Flughafen Zürich verzeichnete am Wochenende Rekordzahlen. Mehr als 200'000 Personen wurden am Samstag und Sonntag abgefertigt.

Seit 2007 hat die Anzahl Passagiere am Flughafen Zürich fast jährlich zugenommen. Waren es vor zehn Jahren noch 20,7 Millionen Passagiere, die registriert wurden, so waren es 2016 bereits 27,7 Millionen. Auch dieses Jahr wird ein Wachstum von rund fünf Prozent erwartet.

Die Airlines und den Flughafen freut es. Doch der Boom hat eine Kehrseite. Denn der Flugverkehr ist für die Umwelt eine schwere Belastung.

Herr Estermann, können Sie uns anhand eines Beispieles erklären, wie schädlich das Fliegen für die Umwelt ist?
Wenn ich in den Sommerferien von Zürich nach New York und zurück fliege, setze ich etwa gleich viel CO2 frei, wie wenn ich jeden Tag im Jahr mit dem Auto eine Stunde alleine zur Arbeit fahre.

Das heisst, ich kann ein Jahr lang mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln, wenn ich aber in die Sommerferien fliege, ist mein ökologischer Fussabdruck trotzdem im Eimer?
Im Moment gehen wir davon aus, dass eine Person pro Jahr höchstens eine Tonne CO2 verbrauchen darf, um den Klimawandel nicht zu beschleunigen. Bei einem Flug nach New York und wieder zurück werden pro Person in der Economy Class aber bereits über zwei Tonnen CO2 ausgestossen. In der First- und Business-Class sogar noch deutlich mehr. Somit trägt man aktiv zum Klimawandel bei.

Mit welchen Folgen?
Momentan steuern wir auf eine Erderwärmung von vier bis sechs Grad bis Ende des Jahrhunderts zu. Dies hat zum Beispiel heftige Auswirkungen auf die Migrationsströme. Heute haben wir Flüchtlinge im einstelligen Millionen-Bereich. Geht die Erwärmung jedoch ungebremst weiter, rechnen wir mit 100 bis 200 Millionen Flüchtlingen weltweit.

Über zehn Mal mehr als heute ...
Richtig. Denken Sie zum Beispiel an ein Land wie Bangladesch. Dort leben 160 Millionen Menschen, viele davon auf Meereshöhe. Wenn der Meeresspiegel dort nur ein wenig steigt, sind Millionen von Existenzen bedroht. Länder wie Holland oder Deutschland können auf den Anstieg des Meeresspiegels bis zu einem gewissen Grad mit baulichen Massnahmen reagieren, an vielen Orten fehlen jedoch das Know-How und die Ressourcen dazu.

Eine düstere Prognose, zumal die Flüchtlingskrise Europa schon heute an seine Grenzen bringt.
Die Flüchtlingsströme werden nicht nur über das Mittelmeer zunehmen, auch in Asien wird es grosse Migrationen geben. Betroffen ist aber auch Europa selber. In Spanien und Italien werden ähnliche klimatische Verhältnisse herrschen, wie wir sie heute in Nordafrika erleben.

Wie sieht die Situation betreffend Klimaflüchtlinge heute aus?
Aufgrund des Klimawandels kommt es zu immer mehr Extremwetter-Situationen. Gerade in Indien oder Afrika gibt es immer öfters Leute, die wegen eines Extrem-Ereignisses alles verlieren und in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen. Die Folge davon sind zunehmende Migrationsströme. Das Pariser Klimaabkommen ist eigentlich nichts anderes als Risikomanagement. Wird beim Klimaschutz nichts unternommen, wird dies grosse soziale, politische und vor allem auch wirtschaftliche Probleme auslösen. Ökonomen haben berechnet, dass es uns enorm teuer kommt, wenn wir nichts unternehmen. Bei einer Erderwärmung von 1-2 Grad, wie es im Abkommen als Ziel festgehalten wird, geht man davon aus, dass die Folgen einigermassen tragbar sind. Alles darüber wäre verheerend.

Eine globale Herausforderung. Kann eine Einzelperson da überhaupt etwas unternehmen? Zumal sich Big Player wie Trump oder Erdogan plötzlich querstellen und das Klimaabkommen wieder aufkünden.
Klimaschutz ist immer lokal und global. Nicht entweder oder. Sondern sowohl als auch. Jeder hat einen Handlungsbereich. Sei es privat oder geschäftlich. Jeder hat die Möglichkeit und auch die Verantwortung, den CO2-Ausstoss sukzessive zu reduzieren. Momentan stossen wir in der Schweiz jährlich fünf Tonnen CO2 pro Kopf aus, das soll gemäss Pariser Abkommen runter auf eine Tonne pro Person. Das braucht einen Effort von allen.

Ist man sich dessen in der Schweiz bewusst?
Nicht unbedingt. Rund ein Drittel der Parlamentarier wollten das Klimaabkommen nicht unterschreiben. Sie argumentierten, die Kosten seien zu hoch, der Anteil der Schweiz am weltweiten CO2-Ausstoss zu klein. Dabei vergessen sie, dass die Kosten beim Nichtstun dereinst viel höher sein werden.

Ich will also Verantwortung übernehmen und meine Emissionen senken. Dann müsste ich konsequenterweise ganz auf das Fliegen verzichten, zumal es meine weiteren CO2-Sünden deutlich in den Schatten stellt.  
Selbstverständlich ist es am besten, so wenig CO2 zu emittieren wie möglich. Ein Verzicht aufs Fliegen hat definitiv grosse Auswirkungen auf den persönlichen ökologischen Fussabdruck. Aber unser Motto lautet: «Mache dein Bestes, kompensiere den Rest». Wenn man schon Emissionen produziert, soll man wenigstens dafür bezahlen, dass sie jemand an einem anderen Ort reduzieren kann.

Sie sprechen das Thema CO2-Kompensation an. Wie funktioniert das?
Bleiben wir beim Fliegen. Dort können wir ziemlich genau berechnen, wie viel CO2 der einzelne Passagier emittiert. Nun kann er einen entsprechenden Betrag bezahlen, damit die ausgestossene Menge an CO2 an einem anderen Ort auf der Welt eingespart oder gebunden werden kann.

Ist das teuer?
Nein, für etwa fünf Prozent des Ticketpreises kann man bereits CO2-neutral fliegen. Auf unserer Website kann man ausrechnen, wie viel man bezahlen muss, um seinen Flug zu kompensieren.

Ich fliege also in die Ferien, will dabei aber den Klimawandel nicht beschleunigen – und bezahle CO2-Kompensation. Was passiert jetzt genau mit meinem Geld?
Wir führen Projekte in rund 30 Ländern durch. Auf allen Kontinenten, aber auch in der Schweiz. In Kenya installieren wir zum Beispiel effiziente Koch-Stationen, die massiv weniger Holz brauchen. Somit kommt es zu weniger Abholzung und die Wälder werden geschützt.

Geht die Rechnung wirklich auf? Wer sagt denn, dass diese Solar-Kocher nach der Installation auch tatsächlich funktionieren und benutzt werden? Überprüft ihr, ob eure Massnahmen auch nachhaltig sind?
Wir gehen immer langjährige Partnerschaften ein und kontrollieren regelmässig, ob die ergriffenen Massnahmen auch langfristig ihre Wirkung entfalten. Geht ein Solar-Kocher kaputt, oder wird er nicht benutzt, fliesst er nicht mehr in die Rechnung ein.

Also kann ich wirklich mit reinem Gewissen nach New York und zurück fliegen, wenn ich CO2-Kompensation bezahle?
Ja, das kannst du. Du bist nämlich nicht nur CO2-neutral geflogen, sondern hast auch ein langfristiges Projekt unterstützt. Denn mit unseren Massnahmen werden nicht nur die Emissionen gesenkt. Wenn wir zum Beispiel Solar-Lampen in Afrika installieren, können Schulkinder auch nach Sonnenuntergang noch Bücher lesen und lernen. Sonst ist es rund um den Äquator bereits um 6 Uhr stockdunkel.

Ihr betreibt eigentlich einen modernen Ablasshandel ...
Damit habe ich kein Problem. Ich mache eine Sünde und bezahle dafür. CO2-Kompensation ist gelebtes Verursacherprinzip. Viele benutzen den Begriff Ablasshandel als Ausrede, um nichts fürs eigene Tun bezahlen zu müssen. Sollen die anderen, die Allgemeinheit den Schaden berappen? Eigentlich gibt es keinen Grund, diese Abgabe für die eigenen Emissionen nicht zu bezahlen.

Können Sie das Verursacherprinzip erläutern?
In den 50er- und 60er-Jahren hatten wir hier in der Schweiz dreckige Seen und Flüsse. So verschmutzt, dass wir darin nicht einmal baden konnten. Das Abwasser wurde direkt in die Gewässer abgelassen. Deshalb wurde eine gesetzliche Grundlage erarbeitet, dass jedermann sein Abwasser an die Kanalisation und an die Abwasserreinigungsanlage anschliessen muss. Gratis war die Umstellung nicht, es musste viel in die Infrastruktur investiert werden. Bezahlen musste der Verursacher, indem eine Abwassergebühr erhoben wurde. Wir haben damit grosse Erfolge gefeiert, die Seen und Flüsse sind heute wieder sauber – keiner möchte das herrliche Schwimmen in Seen und Flüssen jetzt an den heissen Tagen missen – und ab der Gebühr stört sich kaum mehr einer. Eine ähnliche Entwicklung gab es auch bei der Abfallentsorgung.

Heute haben wir Gebührensäcke ...
Richtig, das gab es früher nicht. In den 70er-Jahren wurde der Abfall in der Schweiz oftmals verbrannt, irgendwo deponiert oder in einem Loch verscharrt. Heute bezahlt der Abfallverursacher eine Gebühr, dafür haben wir ordentliche Recycling- und Entsorgungsanlagen.

Das Gleiche soll nun im Flugverkehr passieren?
Ja, Prinzip und Vorgehen haben sich bewährt. Der Ursacher bezahlt so viel, wie es braucht, um das Problem zu lösen. Die CO2-Kompensationsgebühr müsste eigentlich automatisch auf den Ticketpreis beim Fliegen aufgeschlagen werden. Man kann doch nicht einfach die Luft gratis verschmutzen und nichts dafür bezahlen.

Und weshalb ist es heute noch nicht so weit?
Die Airline-Industrie ist international sehr vernetzt. Da ist es schwierig, als einzelnes Land vorauszugehen. Deshalb braucht es ein internationales Agreement, dass auf alle Flugtickets CO2-Gebühr erhoben wird.

Fehlt ein gewisser Pioniergeist in der Schweizer Politik?
Ja, absolut. Wir fordern die klimaneutrale Schweiz: Auf allen CO2-Emissionen, ob beim Fliegen, Heizen oder Autofahren, soll ein Preis erhoben werden, der dazu dient, das Klimaproblem zu lösen. Genau so wie wir das Abwasser- und Abfallproblem erfolgreich lösen. Wie in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren wird jedoch argumentiert, dass wir uns das nicht leisten können, dass uns alles zu teuer komme. Dabei geht vergessen, dass durch die CO2-Gebühren neue saubere Technologien und Projekte finanziert werden können und somit neue Arbeitsplätze erschafft werden. Die Schweiz kann so eine globale Vorreiterrolle übernehmen und wirtschaftlich als Exportnation für den globalen Markt sogar davon profitieren, wie wir das mit Abwasser- und Abfalltechnologien ja auch erfolgreich tun.

Und bezahlt würde es im Falle des Flugverkehrs ja sowieso vom Verursacher.
Genau. Das Kostenargument zieht auch aus einem anderen Grund nicht: Wir alle und die Airline-Industrie haben in den vergangenen Jahren von massiven Einsparungen profitiert. Der Preis für ein Barrell Öl ist von 100 US-Dollar auf unter 50 US-Dollar gefallen. Global sparen die Airlines aktuell jährlich 100 Milliarden Dollar Kerosinkosten ein im Vergleich zu 2013/14. Wenn die Airline-Industrie etwa 10 bis 20 Prozent dieser Einsparungen für CO2-Kompensation aufwenden würde, flöge man heute bereits global CO2-neutral. Durch die zur Zeit so günstigen Öl-, Benzin- und Gaspreise sparen wir in der Schweiz aktuell jährlich total rund 8 Milliarden Franken. Pro Kopf also satte 1000 Franken.

Gibt es denn momentan überhaupt keine solche Bemühungen auf Seiten der Airlines?
Doch. Momentan produziert die ganze Airline-Industrie pro Jahr etwa eine Milliarde Tonne CO2. Ab 2020 soll alles, was darüber hinausgeht, kompensiert werden. Das wurde im globalen CORSIA-Abkommen so festgelegt. Ein erster guter Schritt, aber eigentlich fordern wir, dass der gesamte CO2-Ausstoss kompensiert wird.

Bleibt uns also vorläufig die Möglichkeit, die Gebühr freiwillig zu bezahlen. Doch viele wissen von dieser Möglichkeit gar nichts. Müssten die Airlines dies nicht prominenter anbieten?
Ja, daran arbeiten wir nun schon seit Jahren.

Bei der Swiss kann man für eine Gebühr den Sitzplatz buchen, das Menü auswählen und eine Versicherung abschliessen. Aber von einer CO2-Kompensation sieht der Passagier beim Buchungsprozess nichts. Eigentlich bräuchte es ja nur ein weiteres Kästchen ...
Ja, es wäre wirklich ein Leichtes, die CO2-Kompensation prominent anzubieten. Ab 2018 wollen das Swiss und Lufthansa erleichtern. Bisher hatten sie leider andere Prioritäten.

Glauben Sie, dass die Passagiere freiwillig eine CO2-Gebühr zahlen würden?
Ja, davon gehen wir definitiv aus. Am besten wäre es, wenn die Airlines eine Opt-Out-Möglichkeit anbieten würden. Die CO2-Gebühr wäre bereits angewählt, der Passagier müsste sich bewusst dagegen entscheiden, falls er diese nicht wollen würde.

Kann man abschätzen, wie viele Leute dadurch CO2-neutral fliegen würden?
Wir haben mit der Stadt Genf eine Partnerschaft. Dort wird den Bewohnern beim Heizen mit Erdgas eine Opt-Out-Möglichkeit angeboten. Die Zahlen sind überragend, über 95 Prozent bezahlen heute CO2-Kompensation.

Mit einer einfachen Änderung beim Buchungsprozess könnten also bereits hervorragende Resultate für die Umwelt erzielt werden. Wie lange laufen eure Verhandlungen mit der Swiss bereits?
Schon lange. Es dürften ziemlich genau zehn Jahre sein. Wir hoffen jetzt wirklich, dass es endlich mal vorwärts geht.

Noch eine letzte Frage: Wohin gehen Sie in den Urlaub?
Diesen Sommer gehen wir mit dem Fahrrad und dem Zug an den Lago Maggiore. Aber es ist nicht so, dass ich nie fliegen würde. Reisen ist eine gute Sache: bildet und macht glücklich. Nur sollte es langsam selbstverständlich sein, auch die Kosten für verursachte CO2-Emissionen zu bezahlen.

Watson,  18.07.2017Externer Link


 
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